Aloriah’s Erbe

Prolog

Einst gab es die Welt der Menschen. Voller Leben und Eifer und besiedelt von Bauern, Handwerkern und jedwelchem Adel und dessen Gefolge. Vom einfachen Mann bis zum König waren alle über Generationen in dieser Welt und hegten keine Gedanken an andere, die fern ihrer Grenzen liegen könnten. Die Menschen hielten sich für der Götter Schöpfung, einzigartig und vollkommen.

„Mama schau die vielen Sterne – sind das die Götter?“ fragte die kleine Raslinde mit freudigem Lächeln ihre Mutter – den Finger gen Nachthimmel gestreckt.
„Nein Schatz, ein paar davon vielleicht aber die Götter setzen die Lichter an den Himmel, damit wir wissen, dass sie über uns wachen und wir der Glanz ihrer Schöpfung sind.“ Erklärte ihre Mutter mit lehrsamen Blick. „Doch genug für heute kleine Prinzessin – ab in’s Bett mit dir“ grinste ihre Mutter Raslinde an. Sie blickte erneut zum Nachthimmel, an dem wolkenlos die Sterne funkelten ehe sie ihrer Tochter folgte. Sie lächelte erneut bei dem Gedanken, dass die Götter sie so reich beschenkten mit all den Sternen.

Doch lag sie so falsch und wusste es nicht. Die Götter waren keineswegs den Menschen allein zugetan. Nein – vielmehr waren die Götter experimentierfreudig und schufen viele Wesen. Sie gaben ihnen allen eine Welt, in der sie sich mehren konnten. Alle Welten fanden im Dunkel des Universums ihren Platz, groß genug um für jene, die darin lebten Platz zu bieten und groß genug, damit keines der Wesen in den Welten je von den anderen auch nur ein Aufblitzen sehen konnte.

Getrennt vom Dunkel verharrten die Welten über Äonen von Jahren in ihren dafür geschaffenen Dimensionen und die Götter labten sich am Spiel mit den einzelnen Völkern. Eines Tages – ohne dass es jemals Anzeichen dafür gegeben hätte – wurde ein Schöpfer des Spiels überdrüssig und es verlangte ihn nach Abwechslung.
Es war nur ein kleiner Fingerzeig und die Welten begannen sich von ihren über Jahrtausende festgeschriebenen Orten wegzubewegen und sie drifteten umher und zerrten am Gefüge, welches seit Anbeginn der Zeit unverändert war. Die Dimensionen verschwammen immer mehr und die Energie, die einst die Welten trennte blitze mit schierer Energie umher.


Entstehung aus Funken

In der Welt der Menschen war es der Tag des jüngsten Gerichts genannt, der Tag an dem die Göttern ihren Zorn über die Menschheit brachten.
In anderen Welten – wie in der der Welt der Fabelwesen und Gehörnten – war es ein Zeichen für die Wiederkehr der Alten… jene, die einst die Welt geschaffen haben sollen. Und während die Einen ihre Kinder in Schutzhöhlen brachten und Vorräte zurechtlegten zündeten andere große Feuer an und tanzten um sie mit lautem Hufgetrappel und Gesang.
Die Welt der Elfen und Magier – jene die von den Göttern mit der Kraft der Magie gesegnet waren wussten, dass dies kein Geschehnis war, welches so passieren dürfte. Sie wussten um die magischen Grenzen der Welt und ihr Wissen reichte weit über das der Menschen und Fabelwesen hinaus…. Sie erkannten, dass sie nicht die Einzigen waren und forschten an der Erkenntnis.
Wieder andere brachten Opfer dar, tranken blutgespicktes Gebräu, heulten und feierten… sahen sie doch das Himmelsspektakel als die Öffnung der Pforten in andere Welten. Dies war die Welt der Dämonen und Monster, voller dunkler Magie und mit soviel Boshaftigkeit in den Gedanken gespickt, dass jeglicher gütiger Gedanke im Keim erstickt würde wie ein Samenkorn im Flammenmeer.
Nun… sie lagen nicht so falsch wie sich zeigen sollte…

Die Dimensionen jeder Welt beanspruchten weiter ihren Platz, die Barrieren der Welten pressten und zerrten aneinander. Sie überlagerten sich… verschwammen teils ganz.
Mit lautem Getöse brach ein Loch in die Barriere. So groß, dass keines Wesen’s Auge die Ausmaße ganz erfassen könnte und die Welten verschwammen immer mehr. Wüsten der einen verschmolzen mit Wäldern der anderen. Berge wurden zu Tälern, Seen zu Bergen und wo einst blauer Himmel war mischten sich Wolken, Staub und Asche – nur stellenweise durchdrungen von einem Sonnenstrahl, der wie ein goldenes Schwert durch den Horizont glitt.

In den Wäldern der Menschen wurden plötzlich Wesen mit Hufen gesehen, im Wasser lebende Geschöpfe mit seltsamen Hörnern. Gleichermaßen fanden sich mysteriöse Gestalten mit spitzen Ohren, teils auch mit menschlichem Antlitz die Feuer aus den Händen erschaffen konnten, Winde durch die Lande schicken und Blitze kontrollieren konnten.
Für jene Geschöpfe waren die Menschen ebenso sonderbar. So erkundeten die Neuankömmlinge die Höfe und Dörfer und beobachteten die neuen Wesen. Sie wunderten sich wie diese Menschen mit Haut an den Füßen ohne Hufe überhaupt laufen können oder vermuteten geheime Kräfte, denn ohne versteckte Magie könne man ja nicht über Generationen überleben. Sie dachte die Schlichtheit der Menschen, die Einfachheit sei nur Tarnung. Die Elfen und Magier waren eine solche Einfachheit nicht mehr gewohnt.
Wieder andere freuten sich über die neue Nahrung, das neue Fleisch und Blut, welches sich wohl gut als Opfer eignen würde. Die Dämonen und Monster, die den Übergang in diese Mischwelt geschafft hatten waren nicht zimperlich und nahmen sich was sie wollten. So hörte man in vielen Dörfern das Schluchzen verzweifelter Mütter deren Kinder geraubt wurden und die entsetzten Schreie als wieder einmal eine Leiche gefunden wurde, der Organe fehlten oder die Bissspuren an sich trug.

In den Augen der ganzen nun aufeinandertreffenden Geschöpfe vergingen Jahre… in den Augen der Göttern war es ein Wimpernschlag als die geballte Energie der Dimensionsbarrieren jäh barst und in Teilen ineinander überging. Die Verschmelzung der Barrieren trennte Teile der Welten ab, ehe sie diese wieder von sich stieß. Dort wo die Energien den gleichen Platz einnehmen wollten und der Fels der einen Dimension auf den Baum der anderen stieß, löste sich die Materie beider Welten in wildem Funkenschlag auf.
Von überall sammelten sich diese Funken am Rande der neuen Mischwelt, welche Inmitten der anderen entstanden war. Jene Funken formten immer mehr Kristalle, angezogen von der Kraft der darin enthaltenen Magie und Energie. Sie wuchsen und wuchsen und als die Dimensionen am Riss ganz verschmolzen waren und die Funken ausblieben, waren die Kristalle groß wie eines Menschen Unterarm. Sie leuchteten und vibrierten, sie zitterten vor Energie und fielen von dem Rand der neuen Welt ab.

Mit einem letzten Grollen trennten sich die Barrieren wieder voneinander, ließen die neue Welt frei und eine Woge zog durch das neue Land und löschte alles Leben aus…
Das einzige was von den bisherigen Wesen übrig blieb waren körperlose Seelen, die im Dunkel und in den Schatten in der Welt lebten. Sie wandelten ohne Rast, ungesehen von den Lebenden und nährten sich von neuem Leben in purer Gier. So wurden alle Neugeborenen jedwelcher Rassen in der Nacht nach der Geburt von der Dunkelheit verschlungen und es gab keine Kinder in der neuen Welt.

Stille kehrte ein und die neue Welt fand ihren Platz inmitten der alten. Jene, deren restlicher Teil noch unberührt weiterexistieren konnte und in deren Erzählungen dieses jüngste Ereignis in allen möglichen Formen und Ausprägungen in die Geschichtsbücher geschrieben wurde.
Kaum bemerkt waren die blau schimmernden Sternschnuppen die wenige Jahre später in den alten Welten auftraten – die vom Himmel fielen wie Sterne… doch es waren keine… es waren Kristalle…


Besucher fremder Welten

Viele Jahren vergingen in allen Welten, in den alten und der neuen bis in der Welt der Magier als auch in der Welt der Menschen etwas entdeckt werden sollte, was von Stein und Geröll gut behütet war.

Es war Aloriah, die schöne aber bürgerliche Tochter eines Schmieds, deren Vater sie ausgesandt hatte nach einer Eisenader zu suchen, die in der Dämmerung ein seltsames Leuchten unter den Steinen eines kleinen Kraters am Fuße des Berges entdeckte. Angezogen vom Leuchten griff sie danach. Es folgte ein grelles Aufblitzen und als die Nacht ihren Platz wieder zurückerobert hatte vielen Rucksack und Stock, Jagdmesser und Fackel zu Boden… deren Trägerin war verschwunden…
Zur gleichen Zeit etwa zog es den Magierlehrling Lonar aus seinem Gemach. Abenteuer waren es, die er zu suchen aufbrach, denn die Lehrmeisterei am Hof der Magie war ihm zu langweilig geworden. Er war nicht ungeschickt im Umgang mit der arkanen Magie, doch war er ein zu ungeduldiger Schüler. Nichts ging im schnell genug.
Mit Proviant und seinem Stab machte er sich in die Nacht auf und begab sich auf den Pfad der Alten Weisen, der sich hoch in die Berge zog um zur großen Bibliothek des alten Wissens zu kommen.

Unterwegs fand er in einer Nische am Berg einen leuchtenden Stein. „Ein magisches Artefakt, das jemandem aus der Tasche gefallen war“ dachte er sich. Doch auch ihn ereilte beim Versuch es aufzuheben das gleiche Schicksal wie Aloriah in der anderen Welt zuvor. Doch der Tod war weit entfernt… nein… sie waren keineswegs tot. Sie beide landeten keine zehn Schritte weit voneinander getrennt auf einer kleinen Insel in der Welt, von denen man nur aus alten Märchen gehört hatte und die niemals als wahr gedeutet wurden.
Sie taten sich zusammen und suchten nach einem Weg aus der unbekannten Welt. Sie wollten zurück in ihre Heimat, zurück zu denen die sie kannten, zurück zu dem Ort, dessen Gefahren wohl mehr einschätzbar waren als diese neue unentdeckte Welt, die sie erkundeten auf dem Weg nach Hause. Leider wurden ihre Hoffnungen immer wieder aufs Neue enttäuscht, denn: Es gab keinen Weg zurück.

Während Aloriah und Lonar sich immer besser verstanden und versuchten aus ihrem Schicksal das Beste zu machen suchten die zurückgelassenen Vertrauten in den alten Welten nach ihnen. Man fand jedoch dort nur die zurückgelassenen Gegenstände – doch es waren jene Gegenstände, die den neuen Findern der Kristalle deutlich machten: Hier ist etwas Schlimmes geschehen.
So packten die neuen Finder die Kristalle behutsam in Kiste und Lederbeutel und trugen sie zu den Gelehrten der jeweiligen Welt, die die Kristalle behutsam untersuchten, Versuche durchführten und das Geheimnis Stück für Stück aus ihnen lockten.  

Während der Zeit streiften Aloriah und Lonar durch das Land bis Lonar eines Tages an einem Fluss seinen Durst stillen wollte. Mit dem letzten Schluck wirbelte das Wasser auf und er wurde von einem Krokodil, welches sich still angepirscht hatte, ins Wasser gerissen.
Außer einem großem Fleck von Blut war von ihm nichts mehr zu sehen und Aloriah stand wie versteinert etwas abseits vom Fluss, als sie das Geschehene realisierte. Aloriah trauerte über Monate… allein und ohne helfende Schulter verarbeitete sie ihre Trauer, begrub Lonar in der Nähe ihrer Holzhütte und versank in ihren Gedanken.
Sie alterte in dieser neuen Welt nicht und ihr Haar wurde nicht grau, ihre Zeit schien kein Ende zu finden und selbst der Tod schien keine greifbare Erlösung mehr zu sein.

Ohne jemanden an ihrer Seite, mit dem sie hätte reden können vereinsamte Aloriah zunehmends und auch die Trauer wurde sie nie ganz los. Zerfressen von der Einsamkeit und versuchte sie zumindest ihre Gedanken zu ordnen, in dem sie begann das Erlebte, die Erkenntnisse der neuen Welt und ihre Gefühle niederzuschreiben.
Doch während ihr Buch an Inhalt gewann schwand mehr und mehr die Freude und der Lebensmut in ihrem Gesicht und die Jahre zogen ihr jegliche Farbe aus den Wangen. Und sie schrieb weiter, allein auf einer Bank neben dem Grab von Lonar sitzend.

Die Kristalle fanden ihren Weg in alle Welten und gaben ihr Geheimnis allen Geschöpfen nach und nach Preis – den guten wie den bösen. Und die weisesten aller Welten nutzen die Kristalle für ihre Zwecke. Sie wussten über den Übergang, dass der Kristall eine Brücke schlägt in eine andere Welt – wenngleich auch nur in eine Richtung…
So begannen sie dieses Wissen zu nutzen. Die einen verbannten Verbrecher damit, wieder andere entsandten Botschafter zur Suche nach neuem Wissen und wieder andere nutzten die Brücke für ihre Gier nach Macht und Ruhm.
Alle wussten um die Kristalle nach ein paar Jahren – es sprach sich in allen Welten herum wie ein Lauffeuer und alle kannten die Geschichten, dass es eine Reise ohne Wiederkehr sei. So scheuten die Verbrecher und das Gesindel die Strafe und andere wiederum waren dazu angehalten, Entscheidungen zur Reise als Botschafter wohl zu überdenken. Die Gierigen verschwendeten keine Gedanken an diesen Makel der Reise… nein, sie waren geblendet und preschten voran.


Ein Erbe wird angetreten

Die Jahre vergingen, ehe die ersten Reisenden oder Verbannten in diese Welt kamen und Aloriah war schon zunehmends zu einer leblosen Hülle geworden, ein Körper ohne Lebensmut und Kraft und ihre Augen waren fast mit seelenlosen Blick. Ihre Haut zeugte von der harten Arbeit, um in der Welt allein zu überleben. Ihre Hände waren wund und die Finger schon fast steif als sie die letzten Worte in ihr Buch schrieb und es sorgsam in Leder und Fell wickelte.
Gestützt auf ihrem Stock trat sie aus ihrer kleinen mit Flechtwerk bedeckten Holzhütte am Flussufer eines Wüstenflusses, als sie erschrocken Stimmen hörte. Sie dachte erst sie wäre verrückt geworden, doch die Stimmen kamen näher und näher.
Es fehlte ihr an Kraft und ihr Lebenswille war schon längst von der Gleichgültigkeit verzehrt worden. Der letzte Antrieb, das Buch fertig zu stellen war mit dem letzten niedergeschriebenen Satz erloschen und sie wollte dorthin wo ihr Lonar wohl auf sie wartete. Mit verschwommenem Blick spähte sie auf die herankommenden Fremden – die ersten und wohl letzten Gesichter, die sie in all den Jahren sah nachdem ihre Eltern nicht mehr waren.

Die Neuankömmlinge rannten auf die kleine Hütte zu, voller Erwartung dort zu erfahren wo sie waren, wer hier sonst noch lebt, doch als sie ankamen war die zerrüttete Frau schon nicht mehr zu sehen… doch etwas raschelte im Haus. Aloriah trat aus ihrer Hütte, humpelnd und schwer atmend, mit einer Hand auf dem Stock aufgestützt, die andere Hand mit knöchernen Fingern ein Buch haltend und sie trat vor die Neuankömmlinge.
Mit letzter Kraft hob sie sich von ihrem Stock, packte das Buch mit beiden Händen und hob es vor sich. Ihr Blick hob sich den Beiden entgegen und sie hauchte kraftlos: „Willkommen in Aloriah“…
Dann sackte sie zu Boden auf die Knie, das Buch noch vor sich ehe ihre Augen sich müde langsam schlossen. Ihr Körper sackte langsam in sich zusammen und sie hob das Buch vor sich, die Arme gestützt auf ihre Hüfte als das Leben aus ihrem Körper wich und die Neuankömmlinge jeder Chance beraubt waren noch Fragen zu stellen.

Alles was sie tun konnten war das Buch aufzunehmen und der vom Leben geschundenen Frau diesen letzten Wunsch erfüllen es zu lesen, denn nicht umsonst hatte sie es extra herausgetragen.
Und als ihr Blick von der toten Frau auf den Einband des Buches fiel waren kleine Verzierungen zu erkennen – eingeritzt in das Leder und darunter war geschrieben: Aloriah’s Erbe